Tim Klinger

Giro Tagebuch

 

Etappe 12

24.05.2007

Das war’s – der Giro ist für mich vorbei

Das war’s: Ich bin heute auf der 12. Etappe des Giro d’Italia mit einer leichten Sehnenreizung im Knie ausgestiegen, die sich schon gestern bemerkbar gemacht hatte. Gestern Abend hatte sich unser Physiotherapeut noch um mein Knie bemüht und heute Morgen beim Start war ich auch noch zuversichtlich. Aber schon auf den ersten Kilometern spürte ich, dass ich nicht weit kommen würde. Nach 60 oder 70 Kilometern bin ich dann schließlich nach Absprache mit der Teamleitung in das Begleitfahrzeug eingestiegen.

Ich vermute, dass die Reizung eine Folge der Belastungen der 250km-Etappe ist, auf der ich mich so quälen musste. Natürlich bin ich jetzt sehr enttäuscht, denn ich hatte mir für meine erste dreiwöchige Rundfahrt mehr vorgenommen. Ich wollte mich vor allem in den Bergen zeigen und muss nun das Rennen auf der ersten richtigen Bergetappe beenden. Ich hatte mir meinen ersten Giro ganz anders vorgestellt. Aber schon gleich vom ersten Tag an ist zuviel schief gelaufen. Beim Teamzeitfahren wäre ich fast im Absperrgitter gelandet, dann kamen die Stürze, vor einigen Tagen der Hungerast – und jetzt, wo ich mich wieder besser fühle, die Sehnenreizung.

Aber ich habe auch viel gelernt bei diesem Giro: Ich weiß jetzt ungefähr, wie eine solche Rundfahrt abläuft, ich habe renntaktisch dazugelernt – und auch, dass man seine Körner sparen muss. Ich hoffe, dass ich bei meiner nächsten großen Rundfahrt von meinen Erfahrungen profitieren kann.

Morgen Vormittag werde ich um 10.15 Uhr von Turin nach Mailand fliegen. Mein Tagebuch muss ich leider schon jetzt schließen. Ich hätte gerne noch von der dritten Giro-Woche berichtet. Beim nächsten Mal vielleicht...

 

Etappe 11

23.05.2007

Nur ein Franzose wollte weg…

Das war der ruhigste Tag bisher bei diesem Giro. Ich hatte den Eindruck, dass nach dem schweren Tag gestern und in Erwartung der Berge ab morgen keiner so richtig Interesse daran hatte, wegzufahren. Naja, fast keiner: Der französische Kollege von Cofidis setzte sich irgendwann ab und das Feld fuhr gemütlich hinterher. Die letzten 60 km machten sich die Sprinterteams daran, den Vorsprung des Ausreißers zu reduzieren, erst von da an wurde es wieder schneller.

Wir haben wieder alles für Frösi gegeben. Im Finale waren Sven Krauss, Gatto und Thomas Fothen bei ihm und haben bei den Positionskämpfen wieder jede Menge riskiert. Leider hat es am Ende für Frösi nicht zu einer Spitzenplatzierung gereicht. Von den Stürzen im Ziel habe ich nicht viel mitgekriegt, ich befand mich weiter hinten im Feld. Aber offenbar war es dort nach dem einsetzenden Regen glatt wie Schmierseife.</p><p>

Morgen geht es in die Berge – und das Wetter scheint schlechter zu werden. Der Regen hat schon eingesetzt und wenn man von hier in die Berge schaut, sieht es schon übel aus. Mal abwarten, wie es dann auf 2.700 Metern sein wird…

Ein Wort noch zu meinem Sportlichen Leiter Christian Henn und seinem Doping-Geständnis. Christian hat auch das Team heute darüber informiert. Ich finde es gut, dass er damit an die Öffentlichkeit getreten ist und alles zugegeben hat. Ich habe Christian als jemanden kennengelernt, der strikt gegen Doping ist und der den Fahrern gegenüber immer wieder unterstreicht: „Es gibt nur einen Weg, und das ist der Weg ohne Doping.“ Das ist keine Floskel für die Öffentlichkeit. Christian verfolgt dieselbe Linie wie Hans-Michael Holczer.

Die Richtung stimmt im Kampf gegen das Doping und solange ich dieses Gefühl habe, werde ich diesen Sport auch weiterbetreiben. Ich bin zuversichtlich, dass ich noch einige gute Jahre vor mir habe….

 

Etappe 10

22.05.2007

Im Gruppetto hinter dem Gruppetto

Nach der heutigen Etappe bin ich ganz schön fertig. Unterwegs hatte ich eine Phase, in der gar nichts mehr ging. Der Grund: Auf den ersten 100km hatte ich definitiv zu wenig gegessen und getrunken. Schuld daran war die Rennhektik und dass ich auf Biegen und Brechen in eine frühe Gruppe wollte. Deshalb habe ich auf den ersten 50km kräftig bei der Springerei mitgemischt. Aber das Feld holte die Ausreißer immer wieder zurück. Schließlich wollte ich es noch einmal wissen und gab in einem letzten Versuch alles, was ich hatte um mit einer Gruppe wegzukommen. Wieder vergeblich!

Dummerweise war das kurz vor den ersten Anstiegen, in denen ich dann für meine Attacken bezahlen musste. Zuerst konnte ich noch in einer größeren abgehängten Gruppe mithalten, aber dann fiel ich immer weiter zurück, bis ich schließlich in der Gruppe von Robbie McEwen landete.

Vor der Verpflegung – ungefähr bei Kilometer 100 -110 – hatte ich gerade mal einen Riegel zu mir genommen. Danach schluckte ich Cola und Powergels herunter um die Speicher wieder aufzuladen und schüttete Wasser in mich hinein -  aber das hat zunächst nichts geholfen. Erst nach dem langen Anstieg etwa zur Mitte des Rennens fühlte ich mich wieder etwas besser. Aber da lagen noch rund 120km vor uns. Zuerst waren wir nur zu siebt in der Gruppe, später mit elf oder zwölf Fahrern – gewissermaßen ein Gruppetto hinter dem Gruppetto, das verzweifelt versuchte im Zeitlimit zu bleiben. Am Ende schafften wir es mit vier Minuten unter dem Limit.

Mein Hungerast hatte allerdings einen etwas längeren Vorlauf. Gestern Abend schon habe ich wohl zu wenig gegessen. Es gab mal wieder Nudeln, allerdings in ganz, ganz kleinen Portionen serviert. Nach dem zweiten Teller hatte ich das Gefühl satt zu sein und habe auf eine dritte Portion verzichet. Die Etappe heute startete schon relativ früh und beim Frühstück hatte ich dann tatsächlich nicht viel Hunger. Also bin ich wahrscheinlich schon „unterversorgt“ ins Rennen gegangen. </p><p>

Jetzt bin ich noch ziemlich kaputt und gehe erst mal ordentlich was essen. Heute Abend werde ich auf jeden Fall genug Kohlenhydrate zu mir nehmen. Morgen steht zum Glück eine richtige Flachetappe auf dem Programm. Die kommt mir gerade recht…

 

Etappe 9

21.05.2007

Heute blieben alle vernünftig

Heute hatten wir die erste ruhige Etappe bei diesem Giro. Das hat mir richtig gut gefallen, und wahrscheinlich war ich nicht der einzige im Feld, der das so empfand. Schön, dass die Kollegen nach der gestrigen schweren Etappe heute so „vernünftig“ das Rennen angegangen sind. Für mich war es nach den kräftezehrenden und von meinen Stürzen geprägten ersten Etappen besonders wichtig, mich noch mal schonen zu können.

Denn morgen wird es wieder verdammt schwer: Da warten nicht nur 250 Kilometer auf uns. Die Etappe ist vom Profil her mit einem der Ardennenklassiker vergleichbar – nur, dass am Ende noch eine Bergankunft drangehängt wurde.

Da im Rennen nicht so viel passierte, bleibt mir genügend Zeit, kurz den Gerolsteiner Teambus vorzustellen, in dem wir hier in Italien unsere zahlreichen Transfers bewältigen. Der Bus ist zwar schon ein Jahr alt, aber für mich als Teamneuling ist es das erste Mal, dass ich in den Genuss seines Komforts komme. Hier bekommt man alles, was das Rennfahrerherz begehrt. Mit meinem Zimmernachbarn Thomas Fothen mache ich es mir vor oder nach den Rennen im hinteren Teil des 12 Meter langen Gefährts bequem. Wir nennen es unsere „Lounge“. Da kann man die Beine hochlegen, Musik hören, essen, trinken und sich wunderbar entspannen. Teilweise ist es hier angenehmer als in so manchem Hotelzimmer.´´

Thomas und mir gefällt das so gut, dass wir morgens schon früh unsere Koffer packen und eine halbe Stunde vor der Abfahrt in den Bus klettern. Nach den Rennen fahren wir lieber im langsameren Bus als in den schnellen, aber engen Team-PKW zum Hotel. Unterwegs können wir uns duschen, die Toilette benutzen und uns schon von den Strapazen des Rennens erholen. Wir Gerolsteiner-Fahrer sind uns einig, im besten und schönsten Bus aller Teams zu fahren. Da hat unser Teamchef Hans-Michael Holczer was richtig Gutes gekauft.

 

Etappe 8

20.05.2007

Wie befürchtet - von 0 auf 100

Vor der heutigen Etappe hatte ich ja einigen Bammel. Wie befürchtet, wurde direkt vom Start weg attackiert – und das, obwohl es berghoch ging. Da hieß es von Anfang an Anschlag fahren. Ich mag es aber gar nicht, wenn es gleich von 0 auf 100 geht. Deshalb musste ich zunächst abreißen lassen, konnte aber später wieder zum Feld aufschließen. Einigen anderen Fahrern, darunter meinen Teamkollegen Sven Krauss und Oscar Gatto, erging es schlechter als mir: Sie kamen nicht mehr zurück und mussten richtig hart fahren, um im Zeitlimit zu bleiben.

Nach dem extrem schweren ersten Berg lief es bei mir besser. In den folgenden Anstiegen habe ich mich recht wohl gefühlt und hatte keine Mühe das Tempo mitzugehen. Trotzdem war das wieder ein sehr schwerer Tag. Überhaupt war bei diesem Giro bisher noch keine einzige Etappe richtig flach. Und die wirklich heftigen Dinger kommen erst noch…

Schwer wurde die Etappe heute dadurch, dass vorne eine große Gruppe mit über 20 Fahrern weggegangen war. Nicht nur mir wäre es lieber gewesen, wenn zwei, drei Mann sich hätten absetzen können. Danach hätte T-Mobile das Tempo im Feld kontrollieren können und am Ende wären die Sprinterteams mit eingestiegen. Aber daraus wurde diesmal nichts. Also hieß es den ganzen Tag hart arbeiten. Selbst im Flachen ging es zur Sache. Für einen wie Thomas Fothen ist das zwar kein großes Problem, aber Leichtgewichte wie Oliver Zaugg und ich haben da ganz schön zu kämpfen. Zum Glück ging alles gut und ich konnte mit dem Feld ins Ziel rollen.

Heute musste ich zum letzten Mal Antibioika nehmen und spätestens morgen werden an meinem verletzten Ellenbogen die Fäden gezogen. Zumindest damit werde ich dann keinen Kummer mehr haben…  

 

Etappe 7

19.05.2007

Ich hätte bei Frösi bleiben sollen

Heute gab’s eine Premiere für mich: Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich eine Etappe von mehr als 250km gefahren. So viel habe ich bisher nicht mal im Training absolviert. Die Etappe heute war flach, aber nicht einfach, weil die ganze Zeit über richtig Zug drin war. Dazu noch ein fieser Wind von der Seite, der es nicht erlaubte, dass man sich im Feld versteckte. Schon ein komisches Gefühl, nach 160 Kilometern auf den Tacho zu schauen und daran erinnert zu werden, dass man noch 100 vor sich hat.

Nachdem die obligatorische Gruppe weggegangen war, hatten wir Sprinterteams das Rennen zunächst gut unter Kontrolle. Am einzigen Anstieg des Tages hat aber plötzlich Quick Step richtig Krawall gemacht und dafür gesorgt, dass eine Gruppe mit mehreren Sprintern abgehängt wurde. Leider war auch unser Frösi dabei. Ich fuhr in der Spitzengruppe und versuchte direkt nach der Abfahrt vergeblich Funkkontakt mit meinem Sportlichen Leiter Christian Henn aufzunehmen, weil ich nicht wusste, wie weit Frösi und die anderen hinterher fuhren. Als der Kontakt wieder stand, war es aber zu spät, um mich zurückfallen zu lassen.

Von der Teamleitung wurde ich nach dem Rennen zwar nicht kritisiert, aber ich ärgere mich schon, im Anstieg nicht bei Frösi geblieben zu sein, um ihm helfen zu können. Die Aufholjagd kostete Frösi dann wohl zu viele Körner, so dass er in die Entscheidung um den Tagessieg nicht mehr eingreifen konnte.

Von dem kleinen Malheur abgesehen, bin ich mit dem Tag heute zufrieden. Mein Ellenbogen ist zwar noch nicht wieder ganz in Ordnung, aber im Rennen behindert mich die Verletzung nicht mehr. Respekt habe ich vor der morgigen Etappe. Da erwartet uns gleich nach dem Start ein Anstieg und wenn da die falsche Gruppe geht, könnten abgehängte Fahrer am Ende Probleme mit dem Zeitlimit bekommen. Das darf mir auf keinen Fall passieren, denn mein Giro-Ziel heißt Mailand.

 

Etappe 6

18.05.2007

Schrecksekunde: Vorderradschaden in der Abfahrt

Es scheint aufwärts zu gehen mit mir. Heute lief es jedenfalls schon viel besser als in den letzten Tagen. Ich hoffe, ich habe das Schlimmste jetzt überstanden. Der Ellenbogen hat bei Erschütterungen schon viel weniger stark geschmerzt, auch meine Beine waren wieder besser als gestern.

Dabei wurde heute gleich von Anfang an mächtig Dampf gemacht. Die ersten 50km war das richtig „Krieg“ – so lange hat es nämlich gedauert, bis die Gruppe stand, die schließlich den Sieg unter sich ausgemacht hat. Allen Teams war klar, dass auf dieser Etappe wahrscheinlich eine Gruppe durchkommen würde, deshalb war es bis zum Monte Terminillo sehr hektisch: Jede Mannschaft wollte einen Fahrer vorne dabei haben. Ich habe auch einige Mal versucht mitzuspringen, bin aber nicht allzu traurig, dass es nicht geklappt hat.

Als die Gruppe dann stand, hat Liquigas das Tempo im Feld kontrolliert. Es war wichtig, dass das vor dem Berg geschah, denn wenn es auf dem 21km langen, teilweise richtig steilen Anstieg zu Attacken gekommen wäre, hätte es das Feld zerlegt. So konnten wir in kontrolliertem Tempo den Berg hinauffahren.

Auch wenn es heute ordentlich bei mir lief – eine Schrecksekunde gab es doch wieder. Auf der Abfahrt von der vorletzten Bergwertung hatte ich vor einer Linkskurve Vorderradschaden. Es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre wieder gestürzt. Irgendwie habe ich es doch noch geschafft, mein Rad zu kontrollieren. Bis ich ein neues Vorderrad hatte, war das große Feld schon im letzten Anstieg. Ich bin schließlich im Gruppetto ins Ziel gekommen.

Morgen wartet die längste Etappe auf uns – zwar nur mit einem Berg, aber trotzdem wird es wohl ziemlich hart werden.

 

Etappe 5

17.05.2007

Meine gute Tat für Frösi: Eine Cola und ein Gel

So gut es bei Robert Förster heute lief, so schlecht lief es bei mir. Ich hatte den ganzen Tag praktisch am ganzen Körper Muskelschmerzen - angefangen im Schulterbereich, über den Rücken bis in den Po und in die Beine. Ich habe mir das so erklären lassen, dass man bei einem Unfall instinktiv alle Musekln anspannt und sich dadurch eine Art Muskelkater holt. Und Unfälle hatte ich ja genügend in den letzten Tagen. Nach der gestrigen Massage hatte ich mich noch ganz gut gefühlt, aber in der Nacht schlief ich schon schlecht und heute morgen am Start dachte ich: Das kann ja lustig werden.

Zum Glück hatten heute eine ruhige Etappe hatten und ich musste nicht viel arbeiten. Für die Sprintvorbereitung sind bei uns ja andere zuständig. Meine letzte gute Tat für Frösi war, ihm eine Cola und ein Gel zu bringen, danach waren meine Pflichten erledigt. Die Teamkollegen hätten mir auch was erzählt, wenn ich zum Schluss noch mit reingehalten hätte.

Das Finale habe ich mit einem Auge sogar live mitverfolgen können. Ich fuhr in einer Gruppe, in der auch einige Milram-Fahrer dabei waren, die sich bei ihrem Materialwagen aufhielten. Im Auto lief der Fernseher und ich konnte mir anschauen, wie der Sportkamerad Förster auf den letzten Metern noch an Petacchi vorbeigezogen ist. Ich freue mich richtig für Frösi, dass er das Ding nach Hause gefahren hat. Schließlich war er schon auf der 3. Etappe nur haarscharf am Sieg vorbei geschrammt.

 

Etappe 4

16.05.2007

Wenn die Straße zur Rutschbahn wird

Heute hätte ich mich am Schlussanstieg gerne richtig getestet. Ich fühlte mich überraschend gut, meine Sturzverletzungen haben mich unterwegs nicht behindert. Trotzdem konnte ich nicht zeigen, was ich drauf habe, weil ich wieder mal ich Sturzpech hatte, diesmal gleich doppeltes.

Der erste Crash ereignete sich auf einer Abfahrt kurz vor einer Linkskurve. Es hatte zu nieseln begonnen, Thomas Fothen warnte mich noch und sagte, wir sollten weiter nach vorn fahren, um möglichen Stürzen aus dem Weg zu gehen. Dazu kam ich dann aber nicht mehr, weil es mich schon gleich darauf erwischte. Beim Anbremsen vor der Kurve rutschte ich auf dem glitschigen Straßenbelag aus und legte mich hin - ausgerechnet wieder auf meine lädierte rechte Seite, Ellenbogen, Knie und Hüfte.

Ich wurde aber nicht als Einziger böse überrascht, wie ich schnell feststellen konnte. Als ich wieder zum Feld aufschloss, lagen viele Kollegen rechts und links am Straßenrand. Mir gelang es dann recht schnell wieder ins Feld zu fahren. Es hat nicht viel gefehlt und ich wäre sogar noch in den spektakulären Massensturz hineingeraten. Auf vielleicht 15 km Länge war der Straßenbelag aufgrund des Nieselregens glatt wie Schmierseife und man hatte keine Möglichkeit zu reagieren, wenn man ins Rutschen geriet.

Ein paar Kilometer vor dem Schlussanstieg, als schon Anschlag gefahren wurde, sprang vor uns plötzlich ein Hund in das Feld. Ich bin eher weggerutscht als gestürzt, hinter mir fuhr mir noch ein Kollege in mein Rad. Danach hatte ich natürlich keine Chance mehr aufzuschließen. Ich bin im Anstieg zwar noch an ein, zwei Gruppen vorbeigehfahren, musste aber schnell einsehen, dass es keinen Sinn machte, ganz nach vorne kommen zu wollen.

Natürlich hatte ich wieder Glück, dass mir nichts Schlimmeres passiert ist. Aber die Stürze heute sind natürlich schlecht für meine Regeneration. Zudem kommt der nächste Ruhetag erst zu Beginn der letzten Woche. Da auch heute wieder ein langer Transfer anstand, ergab sich noch keine Möglichkeit, meine Wunde unter dem Verband anschauen zu lassen. Ich kann nur hoffen, dass die Naht am Ellenbogen nicht wieder aufgeplatzt ist.

Noch ein Wort zur Organisation: Auch heute mussten wir mit dem Bus noch rund 70 km zurücklegen, um in unser Hotel zu gelangen. Davor mussten wir noch vom Monte Vergine 17 km zurück ins Tal fahren, weil dort die Teambusse standen. Das ist schon Wahnsinn, und wir sind bisher eigentlich alle von der Organisation enttäuscht. Hoffentlich wird es in den nächsten zweieinhalb Wochen etwas besser.

 

1. Ruhetag

15.05.2007

Reisetag statt Ruhetag

Unser Team ist in einem Ferienort rund 20 km südlich von Salerno untergebracht, wo am Mittwoch die 4. Etappe des Giro d’Italia starten wird. Der Wind pfeift laut ums Hotel und ich bekomme einen Eindruck davon, was uns morgen auf der Strecke erwartet.

Ich habe zwar gut geschlafen, aber mein Ellenbogen ist jetzt richtig dick und heiß. Gegen die Entzündung habe ich von unserem Teamarzt Giuliano Peruzzi Antibiotika verschrieben bekommen. Jetzt geht es in erster Linie darum, die Entzündung aus dem Arm zu bekommen und wieder fit zu werden.

Ich hatte auf einen Ruhetag gehofft, aber der hat sich als Reisetag herausgestellt. Mit dem Flugzeug ging’s zunächst von Cagliari nach Neapel. Dort erwarteten uns die Team-PKW und brachten uns in unser Quartier – das waren nochmal 80 oder 90km auf der Straße.

All die Transfers sind hier schon extrem: Angefangen mit der Teampräsentation, wo wir Stunden brauchten, um auf diesen ominösen Flugzeugträger zu gelangen, über das Teamzeitfahren, wo wir auch praktisch den ganzen Tag unterwegs waren und unter anderem eine Schiffspassage zu bewältigen hatten. Und auch morgen steht wohl wieder reichlich Transfer an. Die ständigen Reisen stören eigentlich alle Fahrer, aber mich treffen sie natürlich besonders hart, weil ich mich lieber in aller Ruhe behandeln lassen würde.

Irgendwie bezeichnend, dass auch unsere beiden Busse, die mit dem Schiff aufs Festland übersetzten, noch unterwegs sind. Die Ankunft verzögert sich, weil wohl der T-Mobile-Teambus einen Unfall hatte, als er auf das Schiff fahren wollte. Jetzt fehlt uns und fast allen anderen Teams die komplette Ausrüstung, unter anderem Räder und Massagebänke.

Obwohl ich momentan nicht unbedingt Lust auf Radfahren habe, möchte ich mich heute doch noch wenigstens eine halbe Stunde auf meine Rennmaschine schwingen, um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen und den Stoffwechsel zu fördern. Jetzt hoffe ich, dass unsere Busse noch vor 21 Uhr hier eintreffen.

Nach dem Sturz habe ich meine Erwartungen ein Stück weit zurückgeschraubt. Ich denke von Tag zu Tag und hoffe, in der zweiten oder spätestens der dritten Woche wieder richtig fit zu sein. Die morgige Etappe mit einer Bergankunft wird bestimmt anstrengend werden. Ich habe besonders vor dem ersten Teil der Strecke Respekt. Dort geht es bei voraussichtlich starkem Wind die Küste auf und ab, am Ende wartet die erste Bergankunft dieses Giros. Und mit mir geht es hoffentlich auch bald wieder bergauf.

 

Etappe 3

14.05.2007

Habe mich gefühlt wie verprügelt

Heute habe ich mich den ganzen Tag gefühlt, als ob ich verprügelt worden wäre. In der Nacht war ich immer wieder vor Schmerzen aufgewacht und habe gedacht: Wie willst Du morgen Radfahren? Nach dem Aufstehen fühlte ich mich aber zum Glück schon etwas besser.

Klar, dass bei mir im Rennen nicht viel ging. Ich habe mich vom ersten Moment an eher bescheiden gefühlt, aber Hauptsache war, dass mein Knie hielt. Dafür schmerzte der Ellenbogen bei jeder Erschütterung und ich versuchte, jedem kleinen Loch auszuweichen. Nur gut, dass die Straßen auf Sardinien in ordentlichem Zustand sind.

Für mich lief es heute erwartungsgemäß zwar nicht gut, dafür bei Kollege Förster aber umso besser. Er wurde im Sprint Zweiter – ein super Ergebnis für uns. Leider konnte ich „Frösi“ in der Sprintvorbereitung nicht viel helfen. Im hektischen Finale war ich zu sehr auf mich selbst konzentriert und etwas blockiert. Keine wirkliche Überraschung nach meinem gestrigen Crash.

Jetzt hoffe ich, mich heute und morgen einigermaßen erholen zu können. Mein Ellenbogen ist nämlich dick geworden und hat sich ein wenig entzündet. Da kommt der Ruhetag wie gerufen...

 

Etappe 2

13.05.2007

Als es krachte, hatte ich keine Chance

Die italienischen Gitter mögen mich offenbar nicht. Auch heute hatte ich eine schmerzhafte Begegnung mit ihnen. Es ist schon bitter, dass es mich so heftig erwischte, denn ich habe mich auch auf der 2. Etappe super gefühlt und bin ganz vorne über den letzten Anstieg mit drüber gefahren. Da ich keinen von meinem Teamkollegen sah, dem ich hätte helfen können, hielt ich im Finale voll mit rein. Ich fuhr etwa an 20. Stelle, als es krachte – und wie.

Ungefähr eineinhalb Kilometer vor dem Ziel fuhr das Feld durch eine Linkskurve. 50 Meter dahinter waren Gitter platziert, was ich überhaupt nicht verstehen kann. Entweder stellt man die Dinger schon vor der Kurve auf oder erst ein Stück weiter hinten. So aber standen sie dem auf der rechten Seite um die Kurve jagenden Feld im Weg. Vor mir schossen einige Fahrer voll in die Gitter, ich hatte auch keine Chance und bin ebenfalls direkt hinein gerast.

Als ich mich wieder einigermaßen berappelt hatte, sah ich, dass mein Ellenbogen ziemlich stark blutet und schmerzte. Zur ersten Reinigung wurde mir eine Flasche Wasser über den Arm gespült. Dann setzte ich mich auf mein Rad und rollte die letzten Meter ins Ziel. Dort ging es nur kurz in den Teambus, von da aus direkt in einen Krankenwagen, wo meine Wunden zuerst ordentlich ausgewaschen und dann an zwei Stellen genäht wurden. Ich hatte ein regelrechtes Loch am Ellenbogen, dazu einen tiefen Schnitt. Zum Glück hat der Arzt die Wunde schön zugekriegt.

Neben dem lädierten Ellenbogen habe ich Prellungen im Brustbereich – ich kann aber zum Glück beschwerdefrei atmen - , an der Hüfte und am Oberschenkel. Am meisten Sorgen macht mir momentan meine geschwollene Kniekehle. Trotzdem: Ich habe wohl mehr Glück gehabt als einige meiner Kollegen, die direkt an der Unfallstelle verarztet werden mussten und für die der Giro vielleicht schon vorbei ist.

Ich bin zuversichtlich, dass ich morgen wieder am Start stehen werde. Es wird wohl einigermaßen weh tun, aber zum Glück wird die Etappe nicht so schwer sein – und außerdem haben wir am Dienstag schon unseren ersten Ruhetag.

Bis morgen

Tim

 

Etappe 1

12.05.2007

Mit meiner Leistung beim Teamzeitfahren heute kann ich zufrieden sein, obwohl ich im Finale beinahe gestürzt wäre. Für uns lief es insgesamt nicht schlecht, Platz 13 entspricht ungefähr dem, was man von Gerolsteiner erwarten konnte

Beim Abfahren der Strecke heute morgen dachte ich mir: ‚Mein lieber Mann, hier kann verdammt viel schief gehen.’ Deshalb bin ich mit einigem Respekt ins Rennen gegangen.

Auf diesem Kurs mit seinem ständigen Auf und Ab, dem teilweise kräftigen Wind und vor allem den vielen Kurven in der zweiten Rennhälfte musste man jede Sekunde voll konzentriert sein. Ich habe mich super gefühlt, war vor dem Start zwar ziemlich nervös, aber das hat sich schnell gelegt. Im letzten Anstieg habe ich mich noch stark gefühlt und bin als erster meines Teams in die letzte Abfahrt gegangen, die es wirklich in sich hatte. Allein auf den letzten 1,5 km ging es durch sieben, acht Kurven.

In einer Linkskurve hätte es mich fast erwischt. Ich habe gesehen, dass es nicht passen wird. Ich habe gebremst, bin gerutscht, habe wieder gebremst, bin wieder gerutscht – und mir war klar, dass ich in die Absperrung hineinfahren würde. Instinktiv habe ich mich mit dem Oberkörper an das Gitter angelehnt und bin ein Stück an ihm entlanggeschrammt, um einen Sturz zu vermeiden. Was mir auch gelang.

Ich hatte doppeltes Glück, kam mit leichten Hautabschürfungen an der Hand und am Ellenbogen davon und verlor auch keine Zeit auf meine Kameraden. Das entstandene kleine Loch zu den anderen konnte ich schnell wieder zufahren.

Das war also mein erstes Rennen bei einer dreiwöchigen Rundfahrt – mit einem kritischen Moment und einem kleinen happy end. Am wichtigsten aber ist, dass ich mich gut gefühlt habe und meine Leistung bringen konnte. So kann es weitergehen.

Bis morgen

Tim

 

Präsentation auf einem Flugzeugträger

11.05.2007

Seit Mittwoch bin ich mit meinen Teamkollegen auf Sardinien, wo morgen der Giro d’Italia beginnen wird. Wir sind in einer Ferienanlage direkt am Meer untergebracht und hatten heute eine ungewöhnliche Teampräsentation. Das Ganze fand auf einem Flugzeugträger statt - einerseits etwas ganz Beonderes, andererseits aber mit ziemlich viel Aufwand verbunden. Wir haben uns um 13 Uhr auf den Weg gemacht und sind erst gegen 17 Uhr wieder zurück gekommen. Dazwischen mussten wir einige Zeit mit Warten und Rumstehen verbringen.

Auf der Giuseppe Garibaldi – so heißt das Schiff – wurden die Teams aus dem Innenraum des Riesenschiffes mit der Aufzugsvorrichtung, die sonst die Flugzeuge nach oben hievt, auf das Deck gebracht. Dann sind wir einmal über die Start- und Landebahn gelaufen. Angesichts der Umgebung hat mich das an einen Militärmarsch erinnert. Unser Publikum bestand aus ziemlich vielen Presseleuten und der Besatzung. Leider fehlten aus nachvollziehbaren Gründen die Fans, was nicht nur ich bedauert habe.

Nicht schlecht gestaunt habe ich über das Giroheft, das uns Fahrern ausgehändigt wurde. Denn das vermeintliche Heft stellte sich als richtig dickes Buch mit 400 Seiten heraus. Zuerst dachte ich, die meisten Seiten wären mit Werbung gefüllt. Aber tatsächlich steckt in dem Wälzer unwahrscheinlich viel Information. Für mich als Giro-Neuling war auch das eine neue Erfahrung. Als ich das Buch in der Hand hielt, musste ich unwillkürlich daran denken, wie lange ich (hoffentlich) hier unterwegs sein werde.

Das morgige Mannschaftszeitfahren ist schon sehr sportlich. Nach dem Profil zu urteilen, geht es ordentlich rauf und runter, dazu viele Kurven, die die Angelegenheit auch nicht leichter machen. Einige Teams, darunter auch T-Mobile, haben die Möglichkeit genutzt, um die Strecke abzufahren, die über zwei kleinere Nachbarinseln Caprera und Maddalena führt. Wir haben darauf verzichtet, weil das zu viel Aufwand bedeutet hätte. Zudem hat unser Team keine Ambitionen in der Gesamtwertung und ist ganz auf Etappensiege ausgerichtet.

Da wir morgen viel Transfer haben werden, rechne ich schon mit einem recht stressigen ersten Tag. Zum Glück gehen wir als erste Mannschaft auf die Strecke, so dass unser Arbeitstag entsprechend früh beendet sein wird.